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Menschen im Rettungsdienst und Feuerwehrleute tragen bei ihrer Arbeit eine hochkomplexe, multifunktionelle Schutzausrüstung, für die nicht selten ein vierstelliger Betrag investiert werden muss. Doch trotz der hohen Anschaffungskosten geht die Montur oftmals früher als notwendig kaputt. „Die Ursache ist in vielen Fällen ein unsachgemäßer Trockenprozess“, sagt Lars Reuter. Der sachverständige Textilreinigungsmeister und Gutachter weiß, wovon er spricht: Er beschäftigt sich seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten mit der Aufbereitung und Dekontamination der PSA von Rettungsdiensten und Feuerwehren, führt Schulungen, Prüfungen und Beratungen auf dem Gebiet durch und engagierte sich gegen Feuerkrebs. Im Gespräch erklärt er, warum gerade der Trockenprozess so anspruchsvoll ist und warum ein sachgemäß durchgeführtes Verfahren die Lebensdauer der teuren Kleidung verlängert.
Herr Reuter, wie kommen Sie zu der Überzeugung, dass der Trockenprozess das Zerstörungsmittel Nummer 1 der hochwertigen Schutzausrüstung von Rettungsdiensten und Feuerwehr ist?
Lars Reuter: In meinem Sachverständigenbüro bekomme ich täglich Reklamationsfälle aus diesem Metier auf den Tisch. Mehr als 60 Prozent davon gehen auf falsches Trocknen im Tumbler oder im Finisher zurück.
Welche Schäden treten denn durch einen unsachgemäßen Trockenprozess auf?
Lars Reuter: Oftmals sind thermisch verklebte oder beschichtete Segmente wie Reflexstreifen oder mit Tapes versiegelte Nähte defekt. Die Ursache dafür ist eine partiellen Übertrocknung der mehrschichtig aufgebauten PSA. Während die äußere Funktionsschicht in der heißen Luft im Nu trocken ist, benötigen die inneren Lagen deutlich mehr Zeit. Die Restfeuchtigkeitsmessung in der Abluftstrom stellt fest, dass noch nicht durchgetrocknet ist und der Prozess läuft weiter. Die Außenschicht, die applizierten Reflexstreifen und Membrane sind jedoch vollständig trocken, weshalb an diesen Stellen die „schützende“ Verdunstungskälte fehlt. Es kommt also zu einem immer stärkeren Aufheizen, was letztlich zu einem thermisch bedingten Aufweichen der Reflexstreifen und einer Delaminierung von Membran und Nahtversiegelungstape führt. Die Bewegung im Trommeltrockner erledigt den Rest: Durch Reibung werden die angegriffenen Beschichtungen und Tapes dann abgetragen und unbrauchbar. Die PSA muss ausgetauscht werden.
Könnte sich dieses Problem durch das Finishen der hochwertigen Anzüge beseitigen lassen?
Lars Reuter: Nein. Nach meinen Erfahrungen sind weder ein Tumbler noch ein Finisher die geeigneten Systeme, um die hochwertige PSA von Einsatzkräften und Rettungsdiensten richtig zu trocknen. Im Finisher kann es sogar zu einem „Serienschaden“ kommen, wenn die vom Bekleidungshersteller vorgeschriebene Trockentemperatur nicht eingehalten wird. So muss die Finisher-Temperatur für das Trocknen der Mehrlaminatkleidung heruntergedreht werden. In einem industriellen Textilpflegebetrieb ist Wartezeit jedoch ein Störfaktor, weshalb ein Finisher durchaus auch vorzeitig mit der Schutzkleidung bestückt wird. Weil dieser noch zu heiß ist, kommt es zu denselben Auswirkungen wie im Tumbler - nur mit dem Unterschied, dass die Ware hängend durch Überhitzung Schaden nimmt.
In welchem Temperaturbereich müsste sich das Trocknen von mehrlagiger Schutzkleidung idealerweise abspielen?
Lars Reuter: Das Pflegeetikett in der Schutzkleidung gibt Auskunft über die zulässige Trockentemperatur. Viele Schutzausrüstungen sind mit einem Punkt im Kreissymbol ausgezeichnet. Dieser erlaubt eine maximale Trockentemperatur von 60°C, bei der das Verdampfen der Feuchtigkeit langsam erfolgt. Es werden aber auch andere Methoden gewählt. Man trocknet die PSA bei 80°C an und hängt sie danach zum Durchtrocknen auf. In diesem Fall ist dann auch schon die Reaktivierung der Imprägnierung erfolgt, die bei etwa 75°C stattfindet. Dieser Prozess muss nachgeholt werden, wenn bei niedrigeren Temperaturen getrocknet wurde. Im Tumbler ist dies über ein Zeitprogramm möglich, was jedoch mit Bedienungsfehlern behaftet ist.
Worauf müssen Wäschereien außerdem achten, wenn das Trocknen im Trommeltrockner beispielsweise aus anlagentechnischen Gründen unvermeidbar ist?
Lars Reuter: Beim Trocknen im Tumbler muss darauf geachtet werden, dass die Brandbekämpfungsuniformen auf links und rechts gedreht werden und in geschlossenem Zustand in die Trommel geladen werden. Diese Vorgabe wird aber längst nicht immer konsequent eingehalten, so dass die in der PSA verarbeiteten Verschlüsse mechanische Beschädigungen – etwa an den Membranen - verursachen. Auch aus diesem Grund kann ich nur davon abraten, die hochwertigen Schutzuniformen in einen Trommeltrockner zu geben.
Eine weitere Regel ist die Beladung eines Tumblers mit gleichartiger Kleidung und identischer Gewichtsklasse, was ein sorgfältiges Sortieren der Ware erfordert. Ein wilder Mix unterschiedlicher Qualitäten führt zwangsläufig zum Übertrocknen leichterer Uniformen, weil gefütterte Schutzkleidung wesentlich längere Zeit zum Trocknen benötigt.
Wie lassen sich die von Ihnen beschriebenen Schäden am besten umgehen?
Lars Reuter: Ein Trocknen ohne mechanische Beanspruchung ist beispielsweise in einem beheizten und mit einem Luftentfeuchter ausgestatteten Trockenraum möglich. Allerdings muss die PSA anschließend noch einmal für wenige Minuten bei 80°C nachbehandelt werden, um die nässe- und ölabweisende Ausrüstung zu aktivieren. Das ideale Medium für das Trocknen der Schutzausrüstung und die Reaktivierung ihrer Imprägnierung ist jedoch ein Trockenschrank. Zwischen den hängenden Uniformen ist ausreichend Platz, damit sie von der warmen Luft durchströmt und die Feuchtigkeit ohne Übertrocknung der Textilien entfernt werden kann. Wenn die Luft von Schrankeingang- und -ausgang dieselbe Temperatur haben, ist die Ware trocken. Anschließend verweilt sie noch kurze Zeit in dem auf 80°C aufgeheizten Schrank zur Aktivierung der Imprägnierung.
Ein weiterer, unschlagbarer Vorteil eines Trockenschranks ist dessen vielfältige Nutzungsmöglichkeit. Auf speziellen Haltern und Ablagen können Schutzhandschuhe und Einsatzstiefel aufgezogen bzw. abgestellt werden, wo sie zuverlässig und gleichmäßig getrocknet werden.
Trotz Einhaltung aller Prozessparameter kommt es immer wieder zu Reklamationsfällen. Welche Tipps können Sie den aufbereitenden Betrieben geben, damit es nicht so weit kommt?
Lars Reuter: Seit einigen Jahren beobachte ich einen Rückgang der Materialdicke bei einigen Schutzkleidungstypen. In der Flächenbrandbekämpfung etwa werden inzwischen hauchdünne Qualitäten eingesetzt. Diese tendieren zu sofortigem Übertrocknen, wenn sie warmer oder heißer Luft ausgesetzt werden. Um Schäden zu vermeiden, sind die Herstellerinformationen genau zu studieren und einzuhalten. Dies gilt selbstverständlich für jede Schutzkleidung.
Probleme können auch bei Neulieferungen von Uniformen auftreten. Selbst wenn es sich um eine Nachlieferung eines längst eingeführten Artikels handelt, empfehle ich immer einen Blick in die Pflegeanleitung und die Herstellerinformationen sowie eine zusätzliche, eingehende Prüfung der Charge. Zwar sollten man davon ausgehen können, dass insbesondere Nachbestellung der Originalorder entsprechen, die Praxis beweist aber immer mal wieder das Gegenteil.
Die Zahl der Betriebe, die Einsatzuniformen und Co. aufbereiten und der Preiswettbewerb am Markt nimmt zu. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung?
Lars Reuter: Zuallererst sollte klar sein, dass die Ausstattung von Rettungskräften und Feuerwehren dem Arbeitsschutz und der Gesunderhaltung der Beschäftigten dient. PSA muss funktionieren, damit sie nicht selbst zum Risikofaktor wird. An diesem Grundsatz, nicht jedoch am Preis, muss sich die Aufbereitung orientieren. Jeder, der eine professionelle Aufbereitung von hochfunktioneller, mehrlagiger Schutzkleidung anbietet, sollte daher auf eine optimale Pflege, Trocknung und abschließende Prüfung der Funktionsfähigkeit der PSA achten und die Kosten für diese Prozesse kennen. Es zeigt sich dann sehr schnell, dass die sachgemäße Pflege eines Feuerwehranzugs ihren Preis hat. Billigangebote sind in diesem Bereich fehl am Platze!
Vielen Dank für diese aufschlussreichen Einblicke in das Trocknen von Multilagen-Schutzkleidung.