In verschiedenen Branchen ist die Einsparung von Ressourcen durch Recycling längst state of the art. Doch obwohl die Textil- und Bekleidungsindustrie zu den Großverbrauchern von Rohstoffen zählt, steckt deren Rückgewinnung noch in den Kinderschuhen.
Ein Großteil ausgedienter Waren wird an Second Hand-Händler rund um den Globus exportiert, zu Putzlappen oder Reißwolle verarbeitet, deponiert oder verbrannt. Diese Entsorgungsstrategien haben weitgehende ökologische Auswirkungen, weshalb eine Faser-Kreislaufführung immer wichtiger wird. Dabei kann die Textilpflege-Branche eine wichtige Rolle spielen.
Das Recycling von Rohstoffen ist keine neue Erfindung. Im Gegenteil: Es gehört zum Tagesgeschäft, wenn Gesellschaften von bestimmten Ressourcen abgeschnitten sind, die Verfügbarkeit von Materialien stark eingeschränkt ist oder Wertstoffe nur zu hohen Beschaffungspreisen zu bekommen sind. Dann macht Mangel erfinderisch, wie etwa die Rückführung von diversen Altmetallen beweist. Die Kreislaufführung wird aber auch dann interessant, wenn - wie bei Glas und manchen Kunststoffen - die Kosten einer Neuware über denen von Sekundärrohstoffen liegen und der Rohstoff ohne Qualitätsverluste im Kreislauf geführt werden kann. Recycling ist also üblicherweise von wirtschaftlichen Faktoren getrieben. So lässt sich erklären, warum die Zirkularität von Textilien und Bekleidung quasi nicht existiert: Fabrikneue Textilien sind billiger als solche aus recycelten Materialien. Bezogen auf den Weltfaserverbrauch schafft es nur etwa ein Prozent Gebrauchtfasern in den Markt zurück, wie Zahlen der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation Textile Exchange zeigen.
Mehr Unternehmensverantwortung für den eigenen Textilverbrauch

Der verschwenderische Umgang mit den für Textilien benötigten Rohstoffen geht jedoch schon lange zu Lasten der Umwelt. Ghana, einer der größten Importeure von Gebrauchtkleidung, vermüllt in minderwertiger Fast Fashion. Asiatische Färbereien zerstören mit ungeklärten Abwässern die Lebensgrundlage von Mensch und Natur. Die Bekleidungsindustrie setzt jährlich so große Mengen an Treibhausgasen frei, wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich in dieser Zeit zusammengenommen produzieren. Und jedes Jahr nimmt die ökologische Belastung zu.
Dass die Lage aus dem Ruder zu laufen droht, hat manche politische Entscheidungsträger aufgeschreckt. In Europa, Australien und Kalifornien soll die Textil- und Bekleidungsbranche stärker für ihre Produkte und deren Verpackung in die Pflicht genommen werden. Eine erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) verlangt von Unternehmen, den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte einschließlich dem Recycling zu berücksichtigen. Auf diese Weise soll zukünftig mehr Neuware mit Altwarenanteil entstehen.
Faserrückgewinnung ist möglich

Zwar werden in der Textil- und Bekleidungsindustrie verschiedentlich recycelte Fasern, allen voran Polyester (rPET), eingesetzt. Diese Fasern werden jedoch überwiegend aus PET-Flaschen gewonnen Dabei gibt es längst zwei grundlegende Recyclingwege: das mechanische und das chemische Recycling. Letzteres umfasst Verfahren wie die Depolymerisation, bei der Altmaterial in seine chemischen Bestandteile zerlegt und erneut verwendet wird.
Zwar soll der Prozess bei Polyester funktionieren, solche Alttextilien werden aber eher einem thermischen Recycling unterzogen. Bei diesem Verfahren wird das zerkleinerte Ausgangsmaterial aufgeschmolzen und erneut zu Fasern ausgesponnen. Das chemische Depolymerisieren und die Rückgewinnung der Rohstoffe hat sich hingegen bei Polyamid etabliert, wo aus alten Fischernetzen, Tauen etc. wieder fabrikneue Fasern hergestellt werden. Auch Baumwollstoffe lassen sich in ihre Zellulosemoleküle zerlegen. Daraus wird dann Zellstoff gewonnen, der in der Papier- und Faserfabrikation gebraucht wird.
Mode schafft hohe Hürden fürs Recycling

Die Verfahren klingen allesamt simpel. Sie sind es aber nicht. Denn für die Prozesse werden sortenreine, möglichst ungefärbte Ausgangsstoffe benötigt. Diese sind in der Mode-Industrie aber eine Ausnahme. Der Bärenanteil aller Textilien besteht aus unzähligen Material-Mischungen. Diese lassen nur eine Verwertungsmethode zu: das mechanische Recycling. Dabei werden die Alttextilien bis auf Faserebene zerrissen, wobei Fraktionen unterschiedlicher Längen und Mischungen entstehen. Je nach Zusammensetzung können diese dann erneut zu Garnen versponnen werden. Der überwiegende Teil schlägt jedoch einen anderen Weg ein: Er wird zu Putzwolle, Füllmaterial, Malervlies etc. verarbeitet. Für beschichtete, kaschierte und laminierte Stoffe, Kunstleder, hochfeste, technische Gewebe etc. gibt es hingegen noch keine Kreislauflösung, weshalb sie verbrannt oder deponiert werden.
Eine sinnvolle Zirkularität von textilen Grundstoffen zu neuen Fasern hat angesichts der bestehenden Hürden noch einen langen Weg vor sich und bedarf eines durchdachten Öko-Designs der Textilien. Man muss aber nicht immer auf null zurücksetzen. So lassen sich durch Überarbeitung alter Textilien neue Produkte gewinnen. Textilservice-Betriebe können dabei zu einem wichtigen Partner werden: Ihre großflächige, ausgediente Hotel- und Krankenhaustextilien eignen sich beispielsweise für die Herstellung von Taschen, modischer Accessoires oder Gastrokleidung. Und aus alter Berufskleidung kann wiederum durch Besticken oder Zusammenfügen brauchbarer Komponenten Neues entstehen.
Die Macht der Masse
Die Textilpflege-Branche kann das Tempo in Richtung Kreislaufwirtschaft aus einem besonderen Grund beschleunigen: Textilservice-Unternehmen weltweit nutzen große Mengen einheitlicher Wäsche – meist aus Zweikomponenten-Mischungen oder reinen Materialien.
Diese Homogenität der Ware (und die Tatsache, dass Alttextilien an festen Standorten anfallen,) erleichtert die Entwicklung definierter, skalierbarer Recyclingprozesse. Den ersten Beweis für ein funktionierendes Konzept hat Cibutex geliefert. Die Genossenschaft aus miteinander im Wettbewerb stehenden europäischen Textilservice-Unternehmen veräußert große Mengen gleichartiger Alttextilien an Upcycler. Dort werden die Fasermaterialien zurückgewonnen und gehen in den textilen Kreislauf zurück. Wenn dieses Beispiel weltweit Schule macht, wäre die Textil- und Bekleidungsindustrie auf dem Weg zur Zirkularität einen großen Schritt weiter.