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Gewebeentwicklung zwischen Trends und technischen Rahmenbedingungen

23.07.2026

Bei der Entwicklung neuer Berufs- und Schutzkleidungsgewebe steht Klopman (Frosinone, Italien) vor der Herausforderung, Marktströmungen, Kundenwünsche, Kostendruck, Normen und Wäschereiwirklichkeit miteinander zu verbinden.

Lesedauer: 5 Minuten

  • Berufs- und Schutzkleidungsgewebe müssen Funktionalität, Komfort und industrielle Waschbarkeit vereinen. 
  • Neue Gewebe entstehen im Spannungsfeld von Markttrends, Kundenanforderungen, Normen und Wirtschaftlichkeit. 
  • Leichtere und elastischere Materialien helfen, Energie zu sparen und den Tragekomfort zu erhöhen. 
  • Digitalisierung und Automatisierung in Wäschereien stellen neue Anforderungen an Gewebe und Konfektion. 
  • Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und regulatorische Vorgaben prägen die Entwicklung neuer Textilien zunehmend.

Wer eine Berufs- oder Schutzkleidungskollektion auf den Markt bringen möchte, tut gut daran, eigens für die gewerbliche Nutzung ausgelegte Gewebe zu verwenden. Sie sind belastbar, stellen eine lange Haltbarkeit sicher und sollten vor allem auch industriell waschbar sein. Ein Hersteller, der die besonderen branchenspezifischen Erfordernisse seit vielen Jahrzehnten kennt und in seinen Gewebe-Kollektionen berücksichtigt, ist der international tätige Textilhersteller Klopman. Im Interview erklären Produktmanagerin Ramona Wizorreck und Sales Area Manager Thomas Sieber die besonderen Herausforderungen, mit denen die Entwicklung neuer Gewebe einhergeht. 

Klopman Produktionsstandort in Frosinone, Italien
Klopman-Werk in Frosinone, Italien (Quelle: Julius Hirtzberger/Thomas Sieber)
Moderne Textilproduktion mit automatisierten Webmaschinen
Blick in die Weberei von Klopman (Quelle: Julius Hirtzberger/Thomas Sieber)
Mitarbeiter überwacht automatisierte Textilproduktion im Werk
Einblick in die Gewebeproduktion bei Klopman (Quelle: Julius Hirtzberger/Thomas Sieber)

Die langen Laufzeiten von Berufskleidungskollektionen sind passé und neue Sortimente kommen inzwischen in deutlich kürzeren Intervallen auf den Markt. Wie wissen Sie, welche Gewebe zukünftig am Markt gefragt sind?

Ramona Wizorreck: Leider haben wir keine magische Glaskugel, die uns einen Blick in die Zukunft gestattet. Uns stehen aber andere Möglichkeiten zur Verfügung. So beobachten wir wesentliche Marktströmungen und prüfen diese auf ihre Relevanz und Übertragbarkeit auf den Berufs- und Schutzkleidungssektor. In unsere Entscheidungen fließt außerdem die Struktur und die Größe des Marktes ein, den wir mit unseren Gewebeneuheiten erreichen können. Wenn bestimmte Produkte nur in ausgewählten Regionen gefragt sind, müssen wir abwägen, wie groß das Thema in unserem Sortiment ausgerollt werden soll.

Thomas Sieber: Grundsätzlich verfolgen wir das Ziel, unsere Kunden bei der Umsetzung von Trends mit den „richtigen“ Geweben zu unterstützen. Daher tauschen wir uns regelmäßig mit den von uns belieferten Herstellern von Berufs- und Schutzkleidung aus und nehmen ihre Impulse in der Produktentwicklung auf. Außerdem sind wir Mitglied in wichtigen Branchenverbänden. Dort werden frühzeitig Trends in der gewerblichen Textilaufbereitung diskutiert, die wir in die Entwicklung passender Qualitäten einfließen lassen können. 


Welche wesentlichen Trends beobachten Sie aktuell in der Branche und wie können Sie mit Ihren Geweben darauf reagieren?

Thomas Sieber: Eine der großen Herausforderungen der Textilpflegebranche ist derzeit die Einsparung von Ressourcen - allen voran die Energie - und die damit einhergehende Optimierung von Kostenstrukturen. Gleichzeitig erwarten die Träger von ihrer Workwear möglichst denselben Tragekomfort wie von ihrer Freizeitkleidung. Beide Trends führen wir in leichteren, robusten, elastischen Textilien zusammen: Sie trocknen schneller und erfüllen gleichzeitig hohen Komfortansprüche. 

Ramona Wizorreck: Außerdem zeichnet sich in der Branche eine zunehmende Digitalisierung und Automatisierung ab. Man spricht sogar schon von einer Lights-out Wäscherei (Dark Factory), die nachts oder in unbeaufsichtigten Phasen komplett ohne Personal und bei ausgeschaltetem Licht betrieben wird. In einem solchen Szenario müssen unsere Gewebe auf die zum Einsatz kommenden Maschinen und Technologien abgestimmt sein. Der Einsatz von Robotik, Scannern und Förderbändern zur Sortierung und Bereitstellung der Textilien für adäquate Waschprozesse stellt also neue Anforderungen an Gewebe und Konfektion. Bei der Wahl der Berufs- und Schutzkleidungsgewebe sind solche Besonderheiten zu berücksichtigen, damit in der Wäscherei eine zuverlässige, reibungslose und immer wiederkehrende Aufbereitung der Kleidung gewährleistet ist. 


Welchen Einfluss hat die Mode mit ihren ständig wechselnden Optiken, Farben und Komfort-Features auf Workwear- und Schutzkleidungsgewebe?

Ramona Wizorreck: Für unsere Branche gilt „function first“. Es geht darum, dass jedes unserer Gewebe den hohen Anforderungen der Industriewäsche genügt und den Bewegungsstress im Berufsalltag möglichst lange aushält. Dafür müssen sie technische Voraussetzungen erfüllen – etwa Nass- und Trockenreißfestigkeit, Farb- und Lichtechtheit, Pillingbeständigkeit, Knitterechtheit etc. - und ihre Eignung in teilweise langwierigen Tests beweisen. Zu dieser anspruchsvollen Vorgehensweise passen keine kurzlebigen Strömungen.

Thomas Sieber: Die Einführung neuer Farben, Materialmischungen oder Optiken wird zusätzlich durch die Sortier-, Wasch- und Trockentechnologie der Wäscherei beeinflusst. Neue Materialien gehen mit neuen Funktionen oder höherem Komfort einher, jedoch bringen sie auch die Notwendigkeit mit sich, Prozesse anzupassen Die Markteinführung von Tencel hat diese gegenseitige Abhängigkeit gezeigt. Aufgrund der anfangs begrenzten Verfügbarkeit wurde die Ware zusammen mit Polyester-Baumwoll-Mischgeweben bearbeitet, mit verheerendem Ergebnis. Inzwischen sind Tencel-Qualitäten in der Branche weit verbreitet und die Bearbeitung erfolgt bei vielen Marktteilnehmern in Standardprozessen. 


In den vergangenen Jahren war Nachhaltigkeit das bestimmende Thema in der gesamten Textil- und Bekleidungsbranche …

Ramona Wizorreck: In Skandinavien hat Nachhaltigkeit nach wie vor eine hohe Priorität. Mit unseren Greenwear-Geweben aus umweltfreundlichen und nachhaltigen Rohstoffen und einer Produktion, die ebenfalls einen nachhaltigen Ansatz verfolgt, haben wir bereits früh auf diese Anforderung reagiert. Andernorts erzeugen jedoch unklare Forderungen auf der politischen Seite Unsicherheiten bei den Entscheidern, wodurch die notwendige Skalierung in den Produktionen fehlt, was wiederum zu Kostennachteilen für solche innovativen und nachhaltigen Materialen führt.

Thomas Sieber: Nachhaltigkeit ist in der Branche damit aber keineswegs passé, es findet lediglich eine Verschiebung des Schwerpunkts ab. Die Lebenszyklusanalyse (LCA) eines textilen Produkts rückt nun stärker in den Mittelpunkt. Diese betrachtet die potenziellen Umweltwirkungen und die Energiebilanz während des gesamten Lebenswegs eines Textils - was auch die Herstellung eines Materials einschließt. Im Unternehmen haben wir daher Circular-, Ethik- und Verantwortungsziele zur stetigen Verbesserung unseres ökologischen Fußabdrucks definiert, setzen diese um und entwickeln sie konsequent weiter. Diese Erkenntnisse werden immer mehr zum entscheidenden Faktor bei der Umsetzung von Innovationen.


Welche weiteren Aspekte müssen bei der Entwicklung von Berufs- und Schutzkleidungsgeweben berücksichtigt werden?

Thomas Sieber: Da wären zum einen die regulatorischen Vorgaben, zu der u.a. die Europäische Chemikalienverordnung REACH gehört. Sie regelt die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe innerhalb der EU. Hinzu kommt die Liste persistenter organischer Schadstoffe (PoP-Liste), Wenn sich die Einstufung der in unseren Herstellprozessen eingesetzten Chemikalien ändert oder zusätzliche Substanzen in die Liste aufgenommen werden, müssen wir die Verfahren kontrollieren, ggf. ändern und die betroffenen Textilien erneut den Eignungsprüfungen unterziehen, damit sie Voraussetzung für deren Einsatz im Textilservice erfüllen.

Aufgrund der im Rahmen des Green Deals beschlossenen Textilstrategie der EU sind außerdem die Zirkularitätsanforderungen zu berücksichtigen.

Ramona Wizorreck: Hinzu kommen die Normen, die ein Schutzkleidungsgewebe erfüllen muss. Bevor wir ein entsprechendes Textil auf den Markt bringen können, muss es von unabhängigen Instituten geprüft und zertifiziert werden. 


Gibt es Grenzen für Berufs- und Schutzkleidungsgewebe? Welche Anforderungen lassen sich nicht realisieren?

Ramona Wizorreck: Der aus dem Gesundheitswesen an uns herangetragene Wunsch, weiße Gewebe möglichst leicht und luftig zu machen, hat Grenzen. Je dünner ein weißes Textil ist, umso durchscheinender wird es. Bei der Arbeit auf Station oder in der Pflege muss jedoch eine ausreichende Blickdichtigkeit gegeben sein. Für diesen Anwendungsbereich bieten wir daher nur Gewebe an, die ein Mindestflächengewicht von 180 g/m² haben. Vor einer ähnlichen Herausforderung stehen wir bei normierten Geweben, die beispielsweise in Schutzkleidung für Ölfördergebiete im Mittleren Osten geht. Wegen der hohen Außentemperaturen soll das Textilgewicht möglichst gering sein. Dieses macht es aber oft unmöglich, die Anforderungen multipler Normen zu erfüllen. Unsere Aufgabe ist es daher, Lösungen zu entwickeln, die beide Seiten zufriedenstellt.

Thomas Sieber: Weitere Grenzen setzt uns die Waschchemie. Durch Einführen von Niedrigtemperaturverfahren verschiebt sich der Sinnersche Wirkmechanismus in Richtung Chemie. Das bedeutet, dass die Waschmittelformulierungen u.U. stark alkalisch eingestellt werden und die Oberfläche der Polyesterfasern angreifen, wodurch die Gewebe ihre Langlebigkeit einbüßen. Solche Konsequenzen ließen sich vermeiden, wenn sich alle Branchenakteure besser abstimmen würden. Die Texcare ist hierfür eine gute Plattform.

Ramona Wizorreck

Ramona Wizorreck

Produktmanagerin

Klopman International

Thomas Sieber

Thomas Sieber

Sales Area Manager

Klopman International

Sabine Anton-Katzenbach

Sabine Anton-Katzenbach

Diplom-Textilingenieurin und freie Journalistin

Sabine Anton-Katzenbach begleitet die Textilpflege-Branche seit drei Jahrzehnten und berichtet über deren unterschiedliche Facetten.

Inhalte zu Textilrecycling & Kreislaufwirtschaft