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Die Weltbevölkerung wächst und mit ihr die Nachfrage nach Textilien. Erhebungen der Nonprofit-Organisation Textile Exchange zufolge stieg die Faser-Produktionsmenge im Jahr 2024 auf 132 Millionen Tonnen, was einer Zunahme um 6,5 % zum Vorjahr entspricht. Den größten Marktanteil haben Synthesefasern mit einem Volumen von 91 Millionen Tonnen. Die Baumwollproduktion nimmt sich dagegen nahezu bescheiden aus: Sie lag im Berichtszeitraum bei 24,5 Millionen Tonnen und bleibt damit seit Jahren konstant. Doch obwohl die Ausgangsstoffe für die Faserherstellung endlich sind und gleichzeitig immer mehr Alttextilien den Globus vermüllen, wird an dem linearen Prinzip der Textil- und Bekleidungsbranche festgehalten. Dementsprechend gering ist der Anteil wiederverwendeter Ressourcen: Der zurückgeführte Anteil an recycelten Produktionsresten und Post-Consumer-Waste liegt im weltweiten Durchschnitt nicht einmal bei einem Prozent. Dabei existieren bereits Verfahren, über die eine Rückgewinnung von Fasern und der Wandel in eine zirkuläre Textil- und Bekleidungsindustrie möglich ist.
Mechanisches Recycling
Beim mechanischen Recycling werden Textilien jeder Art mit Ausnahme beschichteter, laminierter oder anderweitig oberflächenbehandelter Waren in kleinere Fraktionen zerschnitten und anschließend über Tamboure bis auf Faserebene zerrissen. Diese werden entweder erneut zu Garnen versponnen oder zu Vliesmaterialien verarbeitet. Die seit Jahrzehnten etablierte Technologie ermöglicht die Verwertung unterschiedlichster Waren und Materialmischungen. Das finale Produkt ist jedoch nicht reproduzierbar, weil die Ausgangsware stets eine andere ist. Zudem entstehen beim Zerreißen große Mengen an Kurzfasern, die das Verspinnen zu Recyclinggarnen erschweren. Eine weitere Herausforderung stellt die Farbigkeit der Alttextilien dar: Um Recyclinggarne mit einigermaßen einheitlichem Kolorit herstellen zu können, muss die Altware sehr genau sortiert werden. Doch ungeachtet der Einschränkungen ist die Technologie wirtschaftlich tragfähig und bringt Produkte hervor, für die es Abnehmermärkte gibt.
Thermo-mechanisches Recycling
Dieses Verfahren ist nur für homogene oder kompatible Ausgangsstoffe aus synthetischen Fasermaterialien geeignet. Diese werden aufgeschmolzen und pelletiert. Die Pellets können anschließend wieder in einen Spinnprozess zugegeben und zu Filamenten ausgesponnen werden. Bei dem Verfahren entpuppt sich das Ausgangsmaterial jedoch als größte zu nehmende Hürde. Es muss sortenrein und sauber sein, denn Verunreinigungen oder Faserbeimischungen stören den Prozess, führen zu Produktionsunterbrechungen und schlechter Garnqualität. Aus diesem Grund wurde das Verfahren daher bisher vor allem für die Wiederverwendung von ungefärbten Produktionsabfällen (pre-consumer waste) genutzt.
Chemisches Recycling
Das chemische Recycling erfolgt unter Zuhilfenahme ausgewählter Lösungsmittel. Diese werden auf das synthetische Fasermaterial abgestimmt und zerlegen es in die Monomere, aus denen es synthetisiert wurde. Diese können dann wieder für die Herstellung von Faserpolymeren eingesetzt werden, deren Qualität fabrikneuer Ware entspricht.
Auch Baumwolle lässt sich auf dem Weg des chemischen Recyclings weiterverwenden. Die sortenreine Altware wird in ihre cellulosischen Grundbausteine aufgelöst und anschließend zu Zellwolle weiterverarbeitet, die ihrerseits in der Papier- und Viskosefaserherstellung Verwendung findet.
Die Erwartungen an das chemische Recycling bei Synthesefasern sind hoch und die Technologie wird bereits in überschaubarem Maßstab industriell in der Polyamidfaserherstellung und für das Recycling von Polyester genutzt. Die Investitionen in solche Anlagen sind jedoch hoch, wie die Insolvenz des schwedischen Unternehmens re:newcell, das Alttextilien aus Baumwolle in Zellwolle verwandeln wollte, zeigte. Inzwischen wurde die Produktion unter anderer Führung und Firmierung aufgenommen.
Physikalisch-chemisches Recycling
Im physikalisch-chemischen Recyclingprozess geht es um die Rückführung von Alttextilien aus zwei Faserkomponenten – etwa Baumwolle und Polyester – in den Materialkreislauf. Nach dem Zerkleinern der Altware erfolgt das chemische Auflösen eines der beiden Faserbausteine in einem geeigneten Lösungsmittel. Zurück bleibt das zweite Material für eine weitere Recyclingbehandlung. Soweit die Theorie. In der Praxis zeigt sich, dass ein chemisches Recycling der im Textilservice weit verbreiteten Baumwoll-Polyester-Mischgewebe eigenen Regeln folgt: Zwar lässt sich die Baumwolle chemisch depolymerisieren, das zurückbleibende Polyester ist jedoch für eine weitere Verwertung ungeeignet und wird üblicherweise verbrannt.
Enzymatisches Recycling
Vom Prinzip entspricht das enzymatische Recycling dem chemischen. Bei diesem Verfahren werden jedoch auf das Material abgestimmte, spezifische Enzyme zur Depolymerisation von Fasern – darunter Polyester, Polylactid und Baumwolle - und deren Umwandlung in Monomere genutzt. Die Vorteile und die Herausforderungen der Technologie entsprechen denen des chemischen Recyclings: Der gewonnene Rohstoff ist farblos und kann für die Produktion fabrikneuer Fasern herangezogen werden. Die Investitionen in Anlagen im Industriemaßstab sind jedoch enorm, weshalb die Technologie noch in der Pilotphase steckt.
Thermo-chemisches Recycling
Beim thermo-chemischen Recycling werden Textilabfälle aus sortenreinen oder gemischten Kunststofffasern bei hohen Temperaturen aufgespalten. Bei dieser „katalytischen drucklosen Verölung“ entstehen Monomere, Gas, u.U. auch flüchtige organische Verbindungen (VOC) sowie zirkuläre Flüssigprodukte, welche wieder in den Kreislauf zur Herstellung fabrikneuer, farbloser Synthesefasern zurückgeführt werden können. Die Kehrseite des Verfahrens ist der hohe Energieverbrauch und die damit verbundenen Treibhausgas-Emissionen. Die zurückgewonnenen Rohstoffe haben daher einen hohen Preis, der – ebenso wie die Emissionen - durch Nutzung von „grüner“ Energie verringert werden. Ungeachtet der Herausforderungen ging im Jahr 2016 eine erste Pilotanlage an den Start.
Obwohl bereits verschiedene Technologien für das Recycling textiler Abfälle existieren, hat sich einzig die mechanische Aufbereitung am Markt durchgesetzt. Die neueren Verfahren befinden sich meist noch in der Pilotphase. Das Ausrollen auf Industriemaßstab wird jedoch noch aus finanziellen und regulatorischen Gründen ausgebremst. Mit der politisch gewollten, weltweiten Abkehr von einer linearen zu einer zirkulären Textil- und Bekleidungsindustrie ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Zug ins Rollen kommt.